Ev. Kirchengemeinden Niedereisenbach, Offenbach/Glan  u. Wiesweiler

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Wiesweiler

                   Zur Geschichte der ev. Kirche in Wiesweiler

(Die Erweiterungs- und Restaurierungsarbeiten in den Jahren 1970 - 1974 wurden besonders berücksichtigt)

 von  Pfarrer i.R.  Erich Renk , Tiroler Weg, 66117  Saarbrücken 

Kirche von Wiesweiler 2000

Von hohen Bäumen umgeben und in wohltuendem Abstand vom Lärm der Bundesstraße (B 420) steht auf einer sanften Anhöhe über dem Glan die ev. Kirche von Wiesweiler, einem Ort zwischen Lauterecken und Offenbach-Hundheim. "Sie ist in ihrer Anlage und Bauart im Landschaftsbild eine edle Aussage. Der alte Friedhof mit seinem Baumbestand und das Friedhofstor erhöhen die landschaftliche Wirkung" (H.O. Vogel, Brief an die Ev. Kirchengemeinde Wiesweiler, Februar 1965).

Offensichtlich war der Ort schon in ältester Zeit bewohnt; denn bei Ausgrabungen im Jahre 1855 fand man unterhalb der Glanmühle in Berschweiler, dem rechts des Glans gelegenen Ortsteil von Wiesweiler, Grundmauern eines römischen Gutshofes, einer villa rustica (oder eines römischen Stationshauses?).

Damals wurden u.a. eine römische Handmühle und ein römischer Hausaltar mit der Inschrift IHDD (IN HONOREM DOMUS DIVINAE) gefunden, was "zu Ehren des kaiserlichen Hauses" bedeutet. Auch die römischen Spolien an der Kirche, d.h. die dort verwendeten Bauteile aus früheren römischen Gebäuden, weisen auf eine Besiedlung in römischer Zeit hin. Erstmals wird das Dorf 1335 als "Winsewilre", Weiler des Winiso, d.h. Gehöft eines fränkischen Bauern namens Winiso , urkundlich erwähnt. Anfangs voneinander politisch getrennt, wuchs Wiesweiler mit dem Nachbarort Berschweiler allmählich zu einer Gemeinde zusammen, wenn auch beide Orte weiterhin zu zwei verschiedenen Hochgerichten (Sien und Hinzweiler) gehörten. Lange Zeit spielten in der Ortschaft Wiesweiler die Herren von Stein-Kallenfels als Grundherren die Hauptrolle. Aber auch andere Herren hatten hier Liegenschaften und Rechte. Um 1550 kam Wiesweiler an den Wild- und Rheingrafen von Dhaun-Grumbach und 1558 für 500 Gulden an den Pfalzgrafen Wolfgang von Zweibrücken. Bis es 1834 zu Preußen kam, gehörte es zum Amt Lauterecken. Im einst selbständigen und gegenüber dem damaligen Wiesweiler größeren Ort Berschweiler (Weiler des Berin, 1393 "Berswilre") muss es wohl schon früh - im 12./13.Jahrhundert - eine Kapelle oder Kirche gegeben haben.

Auf einer kleinen Erhebung oberhalb des hochwassergefährdeten Talgrundes stand (lt. Lagerbuch der Ev. Pfarrei Offenbach) eine romanische Kapelle, die - 1684 als simultan genutzte Kirche erwähnt - noch Ende des 18. Jahrhunderts als Ruine bestanden haben soll. Es ist dieselbe Stelle, an der man 1818/19 eine neue Kirche - genauer: ein neues Kirchenschiff - errichtete. Der romanische Turm blieb erhalten und diente nun an der Ostseite des neuen Langhauses als Eingangsbau und Glockenträger. Trotz mancher baulicher Veränderungen ist er heute der einzige Zeuge der alten Kirche. Mit großer Wahrscheinlichkeit stand dieses wie das Vorgänger-Bauwerk auf dem Boden oder ganz in der Nähe einer römischen Kultstätte. Im Hinblick auf die Größe der hier gefundenen Bauteile und den Aufwand ihrer handwerklichen Bearbeitung ist auch nicht auszuschließen, dass sich einst in der Nachbarschaft der Kirche ein römischer Großbau befunden hat, der nach seinem Verfall als "Steinbruch" benutzt wurde. Die Ev. Kirchengemeinde Wiesweiler ist - nach vorausgegangener Zugehörigkeit zur Lutherischen Pfarrei Lauterecken - seit 1815 pfarramtlich mit der Ev. Kirchengemeinde Offenbach am Glan verbunden und gehört ab 1835 mit dieser zum Kirchenkreis St. Wendel.

 

Um die räumliche Situation besonders von Kanzel und Altar im Langhaus  (von 1818/19) zu verbessern, plante man 1888 (nach Entwürfen von August Senz) den Anbau eines Chorraumes im Westen des Kirchenschiffes. Zur Ausführung kamen diese Pläne aber nicht.

Besonders in der Zeit des 2. Weltkrieges (1939-45) und den Jahren danach wuchsen die Schäden an der Kirche mehr und mehr an, so dass verschiedene kirchliche und staatliche Inspektionen zu dem Ergebnis führten, dass eine Instandsetzung der Kirche an "Dach und Fach" erforderlich sei. Vor allem machte die Feuchtigkeit, das schnelle Nachwachsen des seit 1958 beobachteten Hausschwammes, der Hausbock-Befall des Dachstuhles, das Durchhängen der Decke (um 60 cm!) und das Lösen des Innenputzes der Kirchengemeinde große Sorgen.

Die Bau-Aufsichtsbehörde des Landratsamtes Birkenfeld teilte am 10.4.1968 mit, dass spätestens gegen Ende dieses Jahres mit der baupolizeilichen Schließung der Kirche gerechnet werden muss, "da für die Sicherheit all derer, die die Kirche zum Gottesdienst oder zu anderen Gelegenheiten betreten, nicht mehr im notwendigen Maße eingestanden werden kann."

Im Wissen um den immer bedenklicher werdenden Bauzustand der Kirche hatte die Kirchengemeinde schon Jahre zuvor mit der Planung der Instandsetzungsarbeiten begonnen. Den Wünschen des Presbyteriums entsprechend, sollte - bei sorgfältiger Erhaltung und Sanierung des Turmes als des wertvollsten Teiles der Kirche - das Gebäude so umgestaltet werden, dass es sich nicht nur für Gottesdienste sondern auch für außergottesdienstliche Zusammenkünfte von Gruppen und Kreisen eignet.

Auch Kinder und Jugendliche sollten in der umgestalteten Kirche eine Bleibe haben... und Familien einen Ort zum Feiern bei besonderen Anlässen.

Nach tastenden Versuchen gelang es, den mit der Planung beauftragten Architekten Werner Simon (Wiesweiler) und Baurat H.O.Vogel (Trier) einen Entwurf zu schaffen, der geeignet war, aus der Kirche in Wiesweiler - vor allem durch die Ausrichtung des Gottesdienstraumes auf den Chorraum im Turm hin - ein besonders praktisches und doch zugleich nobles Bauwerk werden zu lassen.

Danach sollte das Erdgeschoss des Turmes seine bisherige Aufgabe als Eingangsraum verlieren und wieder zum Chorraum werden - durch sein hohes Alter gewürdigt, den Altar aufzunehmen.

Würde die Kirche entsprechend dieser Konzeption neu gestaltet werden, so wäre sie - gegenüber dem Zustand der letzten Jahrzehnte - sozusagen durch eine Drehung um 180° - geostet, d.h. mit Chorraum und Altar nach Osten ausgerichtet.

Die Gottesdienst-Teilnehmer hätten dann wieder, wie es wohl vor Jahrhunderten der Fall war, Chorraum mit Chorbogen und Altar in östlicher Richtung - wie die aufgehende Sonne - vor Augen.

In den vorliegenden Plänen waren für den westlichen Teil der Kirche je ein ca. 40 qm großer Gemeinde-Raum im Erdgeschoss und im 1. Stock - sowie im nach Süden vorspringenden Gebäudeteil das Treppenhaus mit der Garderobe, eine kleine Küche und eine WC-Anlage (im Keller) vorgesehen. Bestechend war bei dieser Planung auch die Möglichkeit, im Erdgeschoss den vom Gottesdienstraum durch eine gestaltete Glaswand abgetrennten Gemeinderaum jederzeit zum Kirchenraum hin zu öffnen und ihn so erheblich zu vergrößern. Mit dem projektierten Einbau eines Balkons an der Ostseite des Gemeinderaumes im 1. Stock bestand zudem die Möglichkeit einer teilweisen Einbeziehung auch dieses Raumes in den Gottesdienstraum der Kirche.

Trotz der erweiterten praktischen Möglichkeiten der künftigen Kirche konnte der Baukörper planerisch noch stärker als früher an die Umgebung angepasst werden.

Es war davon auszugehen, dass durch Tieferlegen des Langhaus-Firstes und Milderung der Dachschrägen der "Huckepack"-Eindruck des Kirchenschiffes von 1818/19 aufgehoben und durch die Errichtung des Vorbaues mit seinem tief ansetzenden Schleppdach die ortsbauliche und landschaftliche Einbindung des künftigen Gebäudes verstärkt werden. Dabei sollte - auch aus Respekt vor dem Bauwerk des 19. Jahrhunderts - das Mauerwerk des neuen Langhauses (mit Ausnahme des Vorbaues) dem Grundriss des alten folgen.

Ebenso war geplant, die bisherigen Gottesdienstraum-Fenster im neuen Andachts-Raum in fast gleicher Form wiederkehren zu lassen - unter Wiederverwendung von Fensterstürzen aus den Jahren 1818/19.

Die Planenden und Beratenden waren auch davon überzeugt, dass der künftige Kirchenraum mit seiner verkleinerten Grundfläche keineswegs an Qualität einbüßen sondern durch verstärkte Ausstrahlung des romanischen Triumphbogens - infolge Verkürzung der Raumtiefe - an Bedeutung gewinnen wird.

Wegen der erfreulich vielen Nutzungsmöglichkeiten der geplanten künftigen Kirche fielen schon während der Bau-Vorbereitungszeit die Begriffe "Mehrzweck-Kirche", "Gemeindehaus-Kirche" oder "Gemeindezentrum".

Es waren zutreffende Bezeichnungen; denn das Planungsgeschehen wurde von der Vorstellung an Burg- und Schlosskapellen beeinflusst, also von sakralen Bauwerken, die meist in einem größeren Gebäudezusammenhang stehen und angrenzenden Räumen die Möglichkeit einer Verbindung mit dem Gottesdienst-Bereich geben. Nach manchen Veränderungen und Verbesserungen in den Bauplänen wurde die Leitung des Kirchenkreises (der Kreissynodalvorstand) um Befürwortung und Förderung der Baumaßnahme und das Landeskirchenamt in Düsseldorf um Baugenehmigung und Baubeihilfe gebeten.

Im Hinblick auf die mitgeteilten, zu erwartenden 300.000,- DM empfahl das Landeskirchenamt statt der Umbau- und Restaurierungs-Arbeiten an der hinfälligen historischen Kirche die Anschaffung "eines Fertig-Gemeindehauses", dessen Gesamtkosten sich einschließlich Aufstellung und Erschließung nur auf etwa 120.000,- DM belaufen hätten (LKA-Schreiben vom 5.12.1968).

Nach einer Ortsbesichtigung durch Vertreter des Landeskirchenamtes und des Kirchenkreises am 9.12.1968 wurde der Vorschlag aus ästhetischen, vor allem aber ortsgeschichtlichen Gründen - Gott sei Dank - aufgegeben. Man hatte erkannt, dass das älteste Gebäude eines Ortes wohl kaum zugunsten einer modernen Fertigbau-Serien-Kirche aufgegeben werden kann, zumal die Frage offen geblieben wäre, was in der Zukunft mit dem vom Verfall bedrohten Bauwerk hätte geschehen sollen (Verkauf, Schenkung, Abriss, Ruine?).

Die Entscheidung der beiden wichtigsten Instanzen für die Erhaltung und Erneuerung der Kirche in Wiesweiler - die Entscheidung des Landeskirchenamtes und des Kirchenkreises - war allerdings mit der Bedingung verbunden, die Gesamtkosten der Baumaßnahme durch Einsparungen so niedrig zu halten, dass sie im Höchstfall nur wenig über den Kosten einer Fertigkirche, d.h. bei maximal 150.000,-DM, liegen.

Im Dezember 1969 konnte endlich das geplante Erhaltungs- und Neubauprojekt in Angriff genommen werden.              

Von Albert Marschall (Offenbach) vermittelt, begannen Angehörige des in Baumholder stationierten 293. Pionier-(Engineer-)Bataillons der US-Army kostenlos mit den Abbruch-Arbeiten am Kirchenschiff und dem Abtransport des Bauschuttes. Bis zur Beseitigung des Kirchenschiffes von 1818/19 waren fast 150 Lastwagen-Fahrten erforderlich. Sie brachten das Abraum-Material vor allem auf das künftige Sportplatzgelände bei Glanbrücken (Niedereisenbach) und bei Offenbach. Obwohl die Abbrucharbeiten in der Nähe des Turmes riskant waren, gelang es den amerikanischen Pionieren durch fachkundigen und sensiblen Einsatz ihrer Räumgeräte, diesen wertvollsten Baukörper - auch der künftigen Kirche - vor neuen Schäden zu bewahren. Trotz des winterlichen Wetters konnten die amerikanischen Helfer noch vor Weihnachten ihren Einsatz zu Ende führen. Das Gelände neben dem denkmalgeschützten Turm war für den Bau des neuen Gemeindezentrums kostenlos freigelegt worden!

Die zu größter Sparsamkeit verpflichtete Kirchengemeinde Wiesweiler dankte den Amerikanern bei einer gemeinsamen Kaffee-Tafel im ev. Gemeindehaus Offenbach herzlich für die geleistete Hilfe.

Bei den Abbrucharbeiten waren die amerikanischen Pioniere im Bauschutt des Kirchenschiffes von 1818/19 auf unterschiedlich große Bauteile (Spolien) gestoßen, die ursprünglich in älteren, heute nicht mehr bestehenden Bauwerken eingearbeitet waren. Sie dienten zuletzt als Bau- und Füllmaterial im Mauerwerk des Langhauses.

Zu den besonders bemerkenswerten Fundstücken gehören drei - vermutlich römische - Halbschalen-Steine, die einst Teil einer Wasserleitung waren und heute wenige Meter neben dem spätbarocken Portal der ehemaligen Friedhofsmauer lagern.

An derselben Stelle werden u.a. auch die im Bauschutt aufgefundene Basis eines Wandpilasters, ein Stein mit Resten eines Konsolgesimses und die Basis einer Säule aufbewahrt, die möglicherweise ein Teil der heutigen Altar-Säule ist.

Dass diese Funde einst zu einem römischen Tempel gehört haben, ist nicht auszuschließen.

Für die Kirchengemeinde Wiesweiler wurde vor allem aber die Entdeckung des Teilstückes einer römischen Säule mit Säulenkapitell wichtig.

Nach einigen Ergänzungen gelang es Johann Plützer (Bad Sobernheim), durch Verwendung des Säulen-Kopfes als Säulenfuß und Hinzufügen einer passenden Sandsteinplatte (Altarplatte aus Mörschied, um 1800) einen Altar zu schaffen, der sich harmonisch in die Raumverhältnisse von Chor, Orgel und Chorbogen einordnet.

Im Zuge der Abbrucharbeiten wurde auch eine Steinplatte entdeckt, die z.T. unter die Basis des nördlichen Triumphbogen-Pfeilers ragt und vielleicht eine römische Glockenleiste ist. Da, wie festzustellen war, auf dieser Platte ein Teil der Last des Pfeilers ruht, wurde dieses bedeutende Fundstück, um das Turm-Mauerwerk nicht zu gefährden, unverändert in seiner Lage belassen und daher später durch Bodenbeläge verdeckt.

Zu bedauern ist, dass ein stattlicher (vermutlich) römischer Quaderstein bald nach seiner Entdeckung nicht mehr auffindbar war. Mit Schmuckleiste und Blumenornament verziert, war er in der Nähe der Südostecke des Kirchenschiffes von 1818/19 als Spolie eingebaut.     

Im April 1970 begannen endlich die Fundamentierungs- und Aufbau-Arbeiten am neuen Kirchenschiff. Dabei wurde das Mauerwerk auf der Ostseite so dicht und pressend an die beiden Seiten des Chorturmes herangeführt, dass dieses altersschwache und doch so bedeutende Bauwerk zangenartig vom neuen (50 cm starken) Langhaus-Mauerwerk umfasst wurde und so zusätzlichen Halt bekam. Der Stabilisierung des Turmes dienten auch der Einbau einer eisenarmierten Beton-Decke und die bogenförmige Verstärkung der Innenseite des ehemaligen Eingangs.

Zur Sicherung der südlichen Chorwand waren stellenweise sogar die Erneuerung des inneren Mauerwerkes und die Verstärkung des südlichen Turmfundamentes von außen erforderlich. Schon Ende 1970 hatte man am Turm Trockenlegungs-Arbeiten durchgeführt.

Dass die Kirchengemeinde während des Fortganges der Bau- und vor allem der Restaurierungs-Arbeiten immer wieder gezwungen war, ihre Geldgeber um Verständnis für die entstandenen Mehrkosten und die Gewährung weiterer Beihilfen zu bitten, liegt nahe. Bei den Instandsetzungsarbeiten am Turm wurden auf der Südseite die Reste eines rechteckigen, zweibahnigen Maßwerkfensters freigelegt.

Um 1500 mag es (an der Stelle eines romanischen Fensters?) entstanden aber später unter einer Verputzschicht dem Vergessen anheimgefallen sein. Von J. Plützer sorgfältig restauriert, wurde es mit kleinteiligen, sechseckigen Wabenscheiben verglast. Heute stellt dieses Doppelfenster das einzige Chorraum-Fenster der Kirche - aber wohl auch das reizvollste Fenster des Ortes dar. Wie an der Valentinskirche in Glanbrücken (Niedereisenbach) in den sechziger Jahren ein vor langer Zeit benutzter Eingang an der Südseite des Turmes zum Vorschein kam, so konnte auch in Wiesweiler unter der Verputzschicht der südlichen Turmwand - dicht neben der Giebelseite des Schiffes - ein früheres Portal entdeckt und freigelegt werden.

Mit einem mächtigen, dreieckigen Sturz (vielleicht einer Spolie?) versehen, stammt es vermutlich aus der romanischen Bau-Phase der Kirche.

Zu derselben Zeit dürfte an der Südost-Ecke des Turmes auch die Konsole mit der Abbildung eines menschlichen Kopfes entstanden sein. Die Feststellung, dass sich dieser Tragstein mit dem Mauervorsprung längs der Ostseite des Turmes auf gleicher Höhe befindet, könnte darauf hinweisen, dass hier früher ein durchgehender Balken einem (Vor- oder Schutz-?) Dach als Auflage gedient hat.

Zugunsten der Rückgewinnung des Turm-Erdgeschosses als Raum für Altar und Orgel wurde an seiner Ostseite das Eingangsportal von 1818/19 so geschlossen, dass es als spätbarockes Portal mit ländlichem Charakter auch weiterhin sichtbar blieb.

Sollte von den Ecksteinen am Chorturm sonst kein Quader römischen Ursprungs sein, so ist doch vor langer Zeit eine römische Spolie an der Südost-Ecke - dicht über dem Boden - in das Mauerwerk eingefügt worden. Hochkant vermauert, zeigt das Mäander-Relief des mächtigen Eck-Quaders nach Süden - wie über ihm die romanische Gesichtsmasken-Konsole.

Die Westseite des Chorturmes wird vor allem durch den großen romanischen Rundbogen bestimmt, der jetzt - nach der Errichtung des neuen Kirchenschiffes - nicht mehr durch eine Empore verdeckt wird, sondern - nach Ostung der Kirche - zusammen mit Chorraum, Orgel und Altar einen beeindruckenden Blickpunkt darstellt.

Allerdings unterscheiden sich die beiden Kämpfer (Bogen-Tragplatten) voneinander:

Die Innenseite der nördlichen Platte ist mit einem Kreuzmotiv-Band versehen, das aus kleinen, quadratischen Vertiefungen gebildet wird. Bei fehlendem Schmuck an der oberen Platte weist dagegen der südliche Kämpfer im Bereich der Schräge ein S-förmiges Profil (mit steigendem Karnies) auf.

Die Basen (Sockel) der beiden Pfeiler stimmen jedoch in Form und Größe miteinander überein. Sie weichen nur in ihrem Abstand zur Bodenfläche voneinander ab. Deutlich sitzt die südliche Pfeiler-Basis höher als die nördliche, die z.T. auf der bereits erwähnten römischen Glockenleisten-Spolie ruht.

In der von romanischen Bau-Elementen geprägten Westwand des Chor-Turmes ist zwischen Kirchenraum-Decke und Kirchenschiff-Dach auch eine doppelte Schallarkade erhalten geblieben. Sie dient heute als Durchgang vom Turm zum Dachboden des Kirchenschiffes zu Revisionszwecken.

Dank der verständnisvollen Förderung der Baumaßnahme - auch über das anfangs bestehende Limit hinaus - konnten die Bauarbeiten einschließlich der nicht zu vermeidenden kostspieligen Restaurierungsarbeiten am historischen Turm nach etwa 4 Jahren zum Abschluss gebracht werden.  

Vor allem durch die Instandsetzung des Chorbogens, die Wiederherstellung des spätgotischen Südfensters und die farbliche Gestaltung unter der Beratung von Restaurator Otto Schultz (Herxheim) gewann der Chorraum mehr und mehr an Anziehungskraft. Zu ganz besonderer Bedeutung verhalfen ihm jedoch der hier errichtete Altar mit seiner über tausendjährigen Säule und das über ihm hängende Bronze-Kreuz mit blauem Glas in seinem Mittelpunkt. Eigens für den Chorraum der Kirche Wiesweiler wurde es 1974 von Carl Kaderhandt (Lippstadt) geschaffen. Anders als zu erwarten war - fand im Chorraum auch die neue Orgel noch genügend Platz. Sie wurde 1974 dicht vor der Chor-Ostwand - und daher auch teilweise unter dem neuen Verstärkungsbogen - aufgestellt.

Die harfenförmige Anordnung ihrer Prospekt-Pfeifen und die helle Farbe des Orgelgehäuses geben Kreuz und Altar einen freundlichen und interessanten Hintergrund. Schon seit langem hatte die Kirchengemeinde für die Anschaffung einer neuen Orgel gesammelt, denn die frühere (Emporen-) Orgel war so verbraucht, dass sich eine Instandsetzung kaum mehr gelohnt hätte. Das Instrument stammte aus der ev. Kirche von Ilgesheim - einer Ortschaft im Höhenland zwischen Glan und Nahe gelegen - und war nach Wiesweiler gelangt, als sich1939 der Truppenübungsplatz Baumholder zusammen mit vielen anderen Dörfern auch jenen Ort einverleibte. Das neue Instrument ist eine Schleifladen-Orgel mit mechanischer Traktur, einem Manual, Pedal und Koppel. Es wurde von der Fa. Oberlinger (Windesheim) zum damaligen Preis von ca. 30.000,- DM erbaut und verfügt über 8 Register (Gedackt 8', Prinzipal 4', Rohrflöte 4', Oktave 2', Quinte 1 1/3', Sifflöte 1', Cymbal 2-fach, Subbaß 16').

Von den derzeitigen Restaurierungsarbeiten am Turm verschont blieb die seit 1956 elektrisch betriebene Läuteanlage mit ihren zwei wertvollen Bronzeglocken. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts  besaß die Kirche 2 Bronzeglocken, von denen die kleinere auch "Bürgerglocke" genannt wurde, weil sie die Bürger zur Fronarbeit gerufen haben soll. Als sie 1880 zersprang, konnte sie schon 1881 durch eine neue, von Glockengießer Georg Hamm (Kaiserslautern) hergestellte Bronze-Glocke ersetzt werden.

Wohl durch ein Missgeschick beim Transport muss 1818/19 die große Glocke zersprungen sein. Als Nachfolgerin goss Peter Fransmaire (Sippersfeld) 1820 eine neue Bronze-Glocke. Nach fast 100-jährigem Läute-Dienst wurde diese Glocke 1917 mit vielen anderen in Deutschland aus der Kirche genommen und zur Herstellung von Kriegsgerät abtransportiert. Ebenso erging es im 2. Weltkrieg (1939 - 1945) der in den zwanziger Jahren erworbenen Bronze-Glocke.

Die Glocke, deren Stimme heute als Nachfolgerin der größeren und darum tiefer klingenden im Glantal bei Wiesweiler zu hören ist, wurde 1955 von der Fa. Rincker (Sinn/Dillkreis) gegossen. Sie wiegt 235 kg und besteht wie ihre kleinere Schwester  aus Bronze (Vgl. G. Voß, a.a.O., S. 183).

Bevor diese beiden kostbaren Glocken wieder zum Gottesdienst einladen konnten, erhielt das neu entstandene Gebäude Fenster mit lebendig wirkenden, bläschen- und schlierenreichen Antikglas-Scheiben. Dabei wurden im östlichen Abschnitt des zweigeteilten Baukörpers, d.h. im Gottesdienst-Bereich von Chorraum und anschließendem Kirchenschiff kleinteilige, sechseckige Wabenscheiben, im übrigen Gebäude dagegen annähernd quadratische Scheiben verwendet.

Obwohl das neue Gemeindezentrum - inzwischen verputzt, möbliert und mit einer elektrischen Nachtspeicher-Heizung ausgestattet - vielfältige Aufgaben erfüllen soll, wirkt das Gebäude in sich doch geschlossen und bescheiden. Der altehrwürdige Chorturm - reich an steinernen Zeugnissen aus römischer, romanischer, spätgotischer und spätbarocker Zeit - stellt in seinem Verhältnis zum neuen Bauwerk keinen Fremdkörper dar, sondern bildet mit ihm eine harmonische Einheit.

Wie vor Baubeginn erhofft wurde, passt sich das neue Gemeindezentrum auch den Bauformen der Umgebung an, obschon - dank der ringförmigen Außenanlage auf dem Boden des früheren Friedhofes - ein wohltuender Abstand zu den Nachbargebäuden vorhanden ist. Die Gestaltung der Außenanlage mit dem schmalen Pfad ringsum die Kirche geht auf die Anregungen von Gartenbaudirektor Gottfried Rettig (Trier) zurück. Ihm war bei seinen Überlegungen auch sehr an der Bewahrung des alten Baumbestandes gelegen. Um der Straße neben der alten Friedhofsmauer zu etwas mehr Breite und Besuchern der Kirche zu einigen Parkplätzen zu verhelfen, wurde diese Mauer einschließlich des Portals abgetragen und um gut einen Meter zurückverlegt. Bei der Wieder-Errichtung erhielt allerdings die Mauer (ohne den Portal-Bereich) eine Spitzabdeckung.

In der Nähe der Südost-Ecke des ehemaligen Kirchenschiffes stand früher eine Gedenkstätte für die im Krieg Gefallenen. Da sie vor wenigen Jahren abgebaut und auf dem jetzigen Friedhof wieder errichtet wurde, war es möglich, in der Einfriedungsmauer einen zweiten Eingang herzustellen und einen gepflasterten Weg in gerader Linie von der Kirchen-Straße bis zum Eingang des neuen -Gemeinde-Zentrums anzulegen. Er hat eine Breite, die im Bedarfsfall die Durchfahrt eines Autos erlaubt.

Im Juni 1974 konnten endlich - nach vierjähriger Bau- und Restaurierungszeit - die Arbeiten an der Kirche Wiesweiler zum Abschluss gebracht werden.

Sie hatten im Frühjahr 1970 begonnen, nachdem schon viele Jahre zuvor Inspektionen und Untersuchungen des Gebäudes durchgeführt, Schadensberichte verfasst und veröffentlicht worden waren.

Nahmen auch Beratungen, Planungsversuche, vergeblich gestellte Bau- und Beihilfe-Genehmigungs-Anträge in der Vorbereitungs-Phase geraume Zeit in Anspruch, so spürte doch manch einer die Gültigkeit des Goethe-Satzes: "Es ist die Zeit von einem guten Werke nicht das Maß". (Dieses Zitat schrieb Dipl. Ing. Keyl vom landeskirchlichen Bauamt in einem Brief vom 5.6.1974 an das Presbyterium).

So ist in den Jahren 1970 - 1974 ein kleines Gemeindezentrum mit vielfältigen Nutzungs-Möglichkeiten nicht nur für die Kirchengemeinde sondern für alle Bewohner des Ortes entstanden. Darüber hinaus war es möglich geworden, den historischen, zeugnisreichen Turm, dieses älteste und einzigartige Gebäude Wiesweilers, vor dem Verfall zu bewahren und als Chorturm in das neue Gemeindehaus-Kirchenschiff einzubeziehen.

In einem festlichen Gottesdienst am Sonntag, dem 16. Juni 1974, wurde die Vollendung des Gemeindezentrums und der neuen Orgel gefeiert. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes und der anschließenden Nachfeier stand der Dank an die vielen, die zum Werden und Gelingen des Projektes beigetragen haben: die Architekten, Restauratoren, Fachleute und Handwerker - alle, die Geld gespendet oder um Spenden gebeten haben - alle, die mit der Frauenhilfe (den so guten!) Kuchen gebacken und gestiftet haben - alle, die - wie Ortsgemeinde, Landkreis, Konservatoramt, Kirchenkreis, Paten-Kirchenkreis Düsseldorf und Landeskirche - Baubeihilfen gewährt haben - alle, die Verantwortung getragen und Zuversicht bewahrt - alle, die das Baugeschehen mit Vertrauen und Gebet begleitet haben.

In allem gilt der Dank dem, in dessen Hand Wollen und Vollbringen lag.

Er lasse dieses kleine Gemeindezentrum immer wieder neu zu einem Ort werden, an dem Menschen in einer Zeit des "Immer-Schneller", "Immer-Härter" und des "Immer-Kälter" Ruhe und Geborgenheit finden, einander ermutigen und Gottes Nähe erfahren. Er schenke dieser Kirche eine segensreiche Ausstrahlung!

Erich Renk

 

Benutzte Literatur:

Bauakten der Ev. Kirchengemeinde Wiesweiler, 1970 - 1974.

Baum, Günther, Chronik des Gutsbezirkes Baumholder, Baumholder, 1976.

Dehio, Georg, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Rheinland-Pfalz, Saarland, 1984, S.1134.

Karsch, Otto, Geschichte des Amtes Grumbach, Birkenfeld, 1959.

Lagerbuch der Ev. Pfarrei Offenbach am Glan.

Schüler-Beigang, Christian, in: Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Worms, Band 16, S. 216 und 217.

Voss, Gerhard, Aus Vergangenheit und Gegenwart der ehemaligen Propsteikirche in Offenbach/Glan, Birkenfeld 1968.  

 


Stand: 31. Oktober 2001