Ev. Kirchengemeinden Niedereisenbach, Offenbach/Glan  u. Wiesweiler

  Abteikirche      Pfarrei      Jüd. Geschichte      Spolien    Lapidarium Renovierung Orgeln

Die Spolien der ehemaligen Benediktinerpropsteikirche St. Marien in Offenbach am Glan

Vortrag von Frau Dr. Andrea Pufke anlässlich der Vorstellung ihrer Dokumentation

Spolien   Spolien   Spolien    
             

Spolien, von lat. spolium = Beute, Raub- oder Siegespreis, bezeichnen wiederverwendete, vielfach aus Beutegut stammende und noch gut erhaltene Bauteile, die sowohl dekorativ als auch symbolisch genutzt werden. Die bekanntesten Beispiele sind mit den Bronzepferden an der Fassade von San Marco in Venedig und den Säulen aus Ravenna im inneren Oktogon der Pfalzkapelle in Aachen benannt. Was in Venedig und Aachen allerdings noch politisch motiviert, also Ausdruck des herrschaftlichen Anspruches auf die Herkunftsstätten der verschleppten Architekturteile oder Skulpturen war, gestaltet sich in Offenbach am Glan weniger spektakulär. Die überkommenen Architekturfragmente der ehemaligen Benediktinerpropsteikirche verblieben hier an ihrem ursprünglichen Ort. Sie sind auch keine eigentlichen Beutestücke, wenngleich das ein oder andere Fragment günstig veräußert worden sein mag. Ihre Bezeichnung als Spolien rechtfertigen andere Aspekte: Ein nicht geringer Teil der Bruchstücke wurde in einem neuen Zusammenhang wiederverwendet, wie besonders die aus Architekturfragmenten bestehende Futtermauer vor dem nördlichen Querhaus belegt. Die Steine wurden darüber hinaus - soweit sie einen Dekor oder eine typische Form wie Rundstäbe oder Maßwerk erkennen ließen - nicht nur als billiges Baumaterial benutzt, sondern selbstbewusst zur Schau stellend, gut sichtbar eingemauert; symbolisch genutzt, wenn man so will. Ein weiterer Teil verblieb als lose Sammlung. Die Bruchstücke dienten zuvor aber als Vorlagen für den Wiederaufbau des Langhauses in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Dass die Steine überhaupt aufbewahrt wurden, erschließt sich einzig aus ihrem kunsthistorischen Wert sowie ihrer hohen handwerklichen Qualität.

Hierzu ein kurzer Blick in die Geschichte: Das im Jahre 1150 gegründete Kloster wurde von Mönchen des Benediktinerordens St. Vinzenz in Metz besiedelt. Die heutige Klosterkirche entstand über den Fundamenten eines Vorgängerbaues. Die gestaffelte Choranlage mitsamt den östlichen Vierungspfeilem wurde in einem ersten Abschnitt ab 1225/30 bis zur Mitte des 13. Jh.s errichtet. Deutlich stimmt der strukturelle Aufbau überein: Jede Apside ist als geschlossener, blockhafter Baukörper gestaltet, in den einfache spitzbogige Fenster eingeschnitten sind, die von eingestellten Säulchen mit Schaftringen begleitet werden. Romanische Formen (Drachen-, Kelchknospen und Palmettenkapitelle) überwiegen. Der zweite Bauabschnitt umfasst den südlichen Querarm mit dem südwestlichen Vierungspfeiler, der um 1240 erbaut wurde. Die zeitliche Priorität südlichen vor dem nördlichen Querarm resultiert besonders aus dem romanischen Nachklingen der Bauzier, die den Ostapsiden in Fensterform und der Verwendung von Schaftringen ähnlich ist. Der nördliche, bald nach 1250 begonnene Querarm unterscheidet sich dagegen durch einheitlich auftretende Maßwerkfenster, deren Kapitelle naturalistisches, lose um den Kapitellkorb gelegtes Blattwerk aufweisen. Die stilistischen Unterschiede erlauben, hier von einem weitem Bauabschnitt zu sprechen. Vermutlich in einer durchgehenden Etappe wurde sodann das Langhaus mitsamt der Westfassade und seinem angenommenen Figurenportal bis gegen 1300 errichtet. In einer letzten Phase erhielt die Kirche schließlich den Vierungsturm, dessen Maßwerkfenster und die Einzelformen des Gewölbes auf das beginnende 14. Jh. verweisen. Mit der Säkularisierung des Klosters 1538 begann der allmähliche Verfall der Gebäude. Jahrhunderte lange Vernachlässigung, Schädigungen durch Kriegseinwirkungen und Plünderungen des Baumaterials führten schließlich zum teilweisen Abbruch des baufälligen Gotteshauses. Nachdem das Langhaus in den Jahren 1808-1810 bis zu den westlichen Vierungspfeilern abgetragen war, erhielt die Kirche eine provisorische Abschlusswand, um sie anschließend wieder liturgisch nutzen zu können. Doch zeigte sich alsbald, dass der Teilabbruch zu schwerwiegenden, statischen Problemen führte. Das Langhaus musste wieder ergänzt werden. Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass sich zunehmend auch kritische Stimmen gegen die Abtragung der Langhausjoche häuften, und mit dem Blick auf den kunsthistorischen Rang des Gotteshauses seinen Wiederaufbau forderten. Nach ersten Vorbereitungen 1883 wurden die Arbeiten 1892-94 durchgeführt. Allerdings wurde nicht das gesamte Schiff, sondern lediglich das östliche Langhausjoch vervollständigt sowie ein Mittelschiffjoch angefügt, Maßgeblichen Anteil an der Wiederherstellung der Kirche hatte der Superintendent und Kreisschulinspektor Karl Metz. Dem kunsthistorisch geschulten, seit 1871 der evangelischen Kirchengemeinde vorstehende Pfarrer ist außerdem die Idee zur Spoliensammlung zuzuschreiben. Von Anfang an erkennt er ihren Wert als Relikte des mittelalterlichen Sakralbaus sowie ihre Bedeutung als Studienobjekte. Schließlich dienen die Architekturfragmente als Vorlagen für die Rekonstruktion des Langhausjoches. Zum restauratorischen Vorgehen schreibt Metz 1896: Hinsichtlich der baukünstlerischen Formgebung hielt man sich ebenfalls möglichst treu an die überlieferte Ausbildung." - und weiter heißt es: Überreste und Fundstücke der ehemaligen Kapitale des abgebrochenen Teiles der Kirche, die seit Jahren gesammelt worden waren, dienten als Anhalt bei den Entwürfen der weiteren neuen Kapitale, deren feine Ausführung in der kräftigen und wirksamen Behandlung der alten Werkstücke und in stets verschiedener Ausbildung gerühmt werden muss." Die Beschreibung macht deutlich, dass die wiedererrichteten Teile der Kirche in getreuer Kopie erhaltener Vorlagen ergänzt wurden. Offensichtlich sollte der komplettierte Bau den Eindruck einer homogenen, mittelalterlichen Kirche vermitteln. Wenngleich die Verfahrensweise zwar typisch für das 19. Jahrhundert ist, so belegt sie für Offenbach doch auch den Respekt gegenüber der historischen Substanz. Letztlich galt es, die qualitative Ausführung des Originals (wieder-) zu erreichen. Die gleichen ästhetisch-wissenschaftlichen Gründe dürfen auch für die Anfrage des Rheinischen Provinzialkonservators Paul Clemen an Pfarrer Metz 1894 geltend gemacht werden, um einige ausgewählte Spolien für eine Vorbildsammlung des Rheinischen Provinzialmuseums zu übernehmen. Die Steine, darunter Kapitelle, Maßwerk-, Gesims- und Gewölbeversatzstücke, befinden sich noch heute im Rheinischen Landesmuseum in Bonn. Pars pro toto veranschaulichen die Spolien dort die formtypologischen Besonderheiten und Entwicklungen der Offenbacher Architektur und dokumentieren gleichsam die kunsthistorische Bedeutung der heute nahezu vergessenen Klosterkirche. Dabei zählt die ehemalige Benediktinerpropsteikirche zu den bedeutenden frühgotischen Sakralbauten Deutschlands. In eindrucksvoller Weise lässt sich hier der allmähliche Übergang von der romanischen zur gotischen Architektur- und Formensprache nachvollziehen. So muss die Offenbacher Kirche gleichberechtigt neben dem Magdeburger Dom genannt werden, mit dem sie den blockhaften Wandaufbau der Ostteile, mit seinen maßwerklosen Fenstern und eingestellten Säulchen gemeinsam hat. Genau jenes Charakteristikum stellt die Kirche ebenso in die Nähe burgundisch beeinflusster Zisterzienserbauten. Zu nennen sind etwa das Paradies in Maulbronn, 1210-1230, die Michaelskapelle in Ebrach oder die nahe gelegene Klosterkirche in Otterberg. Einen besonderen und viel zu wenig geschätzten Raum nimmt die Entwicklung der Kapitellplastik ein. Sie reicht in Offenbach von romanischen Figuren- und Palmettenkapitellen in den Ostapsiden, (teilweise noch südöstliches Langhausjoch) über frühgotische, fleischig ausgebildete Knospenkapitelle im Chor, hin zu naturalistischen, lose um den Kapitellkorb wachsenden Blattformen. Für letztere, in ihrer Qualität herausragende Beispiele gotischer Kapitellplastik, stellte die Forschung stilistische Verbindungen zur Kathedrale in Reims, zur Abteikirche St. Denis bei Paris und zum Straßburger Münster her. In der nur wenig entfernten, ehemaligen Templerkapelle in Fürfeld-Iben ist vermutlich das konkrete Vorbild für den bauplastischen Schmuck der Offenbacher Kirche zu sehen. Und um es noch einmal zu pointieren: Die Offenbacher Kirche zählt zu den überregional bedeutenden Architekturen und ist auf deutschem Boden für die Formenadaption französischgotischer Prägung einer der richtungsweisenden Bauten. Mehr zufällig wurde sie etwa gegenüber dem Magdeburger Dom vergessen oder vernachlässigt, wofür einzig ihr allmählicher Verfall und einhergehend damit ihre (kirchen-)politisch weniger bedeutende Rolle verantwortlich zeichnen. Ihre kunsthistorische Qualität gilt es jedoch wieder zu entdecken und zu vermitteln. Vor diesem Hintergrund findet die Sammlung und Inventarisation der "alten, kaputten Steine", wie sie vielfach genannt werden, ihre Berechtigung und ihren Aussagewert. Sie stehen als Teil des Ganzen, leisten Ersatz für das Verlorengegangene und geben Zeugnis von dem auf höchstem künstlerisch-handwerklichem Niveau stattgefundenen Schaffensprozess des 13. Jahrhunderts im heutigen Kreis Kusel.

Dokumentation   Frau Dr. Pufke (rechts) mit Assistentin dokumentiert und archiviert den Spolienbestand

Die insgesamt 175 Spolien wurden im März 1998 erstmals systematisch erfasst, vermessen, fotografiert und beschrieben. Aufgrund der Maße und charakteristischer Details gelang es, die überwiegende Anzahl der Stücke, selbst sehr kleine, stark beschädigte oder verwitterte, innerhalb des Kirchenbaus exakt zu lokalisieren. Als Vergleich diente immer der Bau selbst sowie historische Fotografien und Bauaufnahmen des 19. Jahrhunderts. Letztere waren vor allem dann wichtig, wenn sich die Bruchstücke nicht mehr auf den vorhandenen, vom Abbruch des frühen 19. Jahrhunderts verschont gebliebenen Baukörper bezogen. In diesen Fällen wurden die Spolien aufgrund stilistischer und formtypologischer Ähnlichkeiten der ehemaligen Klosterkirche mit einiger Wahrscheinlichkeit zugesprochen. Oft konnte jedoch nur hypothetisch ein Zusammenhang hergestellt werden. Insgesamt ermöglichte die Auswertung eine Einteilung der Spolien in verschiedene Gruppen, wie Basen, Sockel, Maßwerk, Kapitelle u.a.) sowie zu ca. 90% eine genaue Zuordnung der Bruchstücke zur Kirche. Darüber hinaus konnte festgestellt werden, dass ein überwiegender Teil der Spolien auf die Restaurierungsphase des 19. Jahrhunderts sowie diejenige der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts, hier besonders die Maßwerkstücke der Glockenstube, zurückgeht. Zuletzt muss auf Bruchstücke verwiesen werden, die dem Kirchenbau nicht zuzuweisen waren. Es handelt sich um zwei Gruppen romanischer Basen und Kapitellformen, die mit einiger Wahrscheinlichkeit der Vorgängerkirche des 12. Jahrhunderts bzw. den frühen Klausurgebäuden entstammen. Hier muss eine weiterrührende Bearbeitung die noch offenen Fragen klären. Ebenso unbearbeitet ist die doch beachtliche Zahl im Ort vermauerter oder aufgestellter Spolien. Von diesen seien stellvertretend nur die bekannte Futtermauer vor der Kirche, verschiedene Bauglieder in der Mauer des katholischen Pfarrgartens sowie die vermauerten Zierglieder in der Haus- und Grabenmauer zum Golschbach des Wohnhauses Klosterstraße 17 genannt. Insgesamt handelt es sich um ca. 200-250 Architekturfragmente. Langfristig wird man sich auch für diese Steine ein Konzept zur ihrer Konservierung überlegen müssen; besonders die Futtermauer ist im Winter durch Nässe und Salzeinwirkungen gefährdet. Dringlicheres Anliegen ist jedoch eine geschützte Präsentation der lose aufbewahrten Spolien. ......Die aufsteigende Bodenfeuchte, die von dem weichen Sandstein aufgesogen wird, führt mittlerweile dazu, dass einige Steine stark absanden. Um so erfreulicher ist es, dass die Inventarisation der Spolien durch das Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz nun erste Schritte zu ihrer Präsentation angeregt hat. Hierfür steht das schon 1984 an der Ostseite der Kirche gebaute, verglaste sog. Lapidarium zur Verfügung. Darüber hinaus wurde durch die evangelische Kirchengemeinde ein Bereich des Kirchenraums in Aussicht gestellt. Mit den beiden Aufstellungsorten können nun die wesentlichen Spoliengruppen präsentiert werden. In der direkten Gegenüberstellung von Original und Kopie am originalen Standort lassen sich sowohl formtypologische Unterschiede als auch stilistische Entwicklungen veranschaulichen. Ein konkreter Bezug zum Kirchenbau wird dadurch erreicht, dass alle Stücke, die dem Innenraum zugeschrieben wurden, in der Kirche, und alle Spolien des Außenbaus außerhalb der Kirche aufgestellt werden sollen. Über kurze Erläuterungen und graphische Darstellungen auf Schautafeln o.a. könnten die ursprünglichen Aufstellungsorte dargestellt und die Einordnung der Spolien nachvollziehbar gemacht werden. Schließlich ließen sich auch die im Ort verstreut anzutreffenden Bruchstücke in ein Gesamtkonzept einbinden - in eine Art Stadtrundgang, der ebenso die beiden Ausstellungsorte der Spolien integriert. Anregung und Aufforderung mag die Präsentation der Spolien hoffentlich all denjenigen sein, die weitere, bislang unbekannte Spolien bekannt geben oder bereit sind, neue Schätze zu entdecken. Andererseits stellt die ehem. Benediktinerpropsteikirche in Offenbach als herausragender Sakralbau der Region mit ihrer Spoliensammlung über die kommunalen Grenzen hinaus ein kunsthistorisches Kapital dar, das eines größeren Bekanntheitskreises harrt. In der Vermittlung der Spolien liegt eine Herausforderung und eine Chance für die Stadt und die Region, die dringlich zu unterstützen ist. Und dass Interesse in der Offenbacher Bevölkerung besteht, dokumentieren für mich die häufigen Fragen während meiner Anwesenheit in Offenbach nach "den Steinen" und etwaiger "Reparaturen" an denselben. Hier gilt es eine Lücke zu füllen.

oben


Zusammengestellt von: K.- W. Augenstein, Hauptstr. 74, 67749 Offenbach-Hundheim,  e-Mail

Stand: 13. Januar 2002